Katzenseuche

Die Katzenseuche, auch Parvovirose genannt, ist eine schwerwiegende und lebensbedrohliche Infektionskrankheit, vor allem für Jungtiere und ungeimpfte Katzen. Es gibt eine sehr wirksame, gut verträgliche Impfung gegen Parvovirose, jedoch werden nicht alle Katzen damit geimpft. Die Krankheit ist daher immer noch weit verbreitet.

Erreger

Bei der Parvovirose handelt es sich um eine Virusinfektion, die durch das Feline Panleukopenievirus (FPV) bei der Katze hervorgerufen wird. Katzen können sich neben FPV auch mit CPV-2a und -2b infizieren, dem eigentlich für Hunde spezifischen Caninen Parvovirus. Auf den Menschen sind keine der genannten Viren übertragbar und daher ist eine Ansteckung nicht möglich.

Das Virus vermehrt sich in schnell teilenden Zellen der Wirtstiere. Dazu zählen neben den Dünndarmzellen (Kryptenzellen) auch Zellen des lymphatischen Systems (Milz, Thymus) und Knochenmarkszellen.

Die Parvoviren sind höchst stabil und äußerst widerstandsfähig. Eine Abtötung der Viren kann nur durch spezielle Desinfektionsmittel erreicht werden. Beispielsweise können die Viren bei Zimmertemperatur im Kot mindestens 6 Monate überleben und ansteckungsfähig sein. Starke Säuren oder auch Basen sind für sie kein Problem, sie tolerieren einen pH-Bereich von 3 bis 11 und überleben Temperaturen von 70°C über 30 Minuten lang. 

Übertragung

Infizierte Katzen scheiden eine große Menge Viren mit dem Kot aus. Die Ansteckung erfolgt über Aufnahme von Kot, durch kotkontaminiertes Futter, Gegenstände wie Spielzeug oder Kleidung. Auch ungeborene Katzenwelpen können den Virus bereits von der Mutter übertragen bekommen.

Gefährdet sind in erster Linie Jungtiere sowie nicht oder nicht ausreichend geimpfte Katzen. In der Regel erkranken neugeborene Katzenwelpen nicht, da sie durch Antikörper von der Mutter geschützt sind. Diese Antikörper bleiben jedoch nicht unendlich lange bestehen die Jungtiere können trotzdem erkranken, wenn sie noch keine eigene Immunität aufgebaut haben.

Bei Katzen gibt es keine bekannte Prädisposition für bestimmte Rassen. Allerdings können auch weitere Faktoren wie ein Wurmbefall, eine FeLV- oder Coronavirus (FIP)-Infektion sowie der Aufenthalt in größeren Tiergruppen (in großen Zuchten, Heimen etc.) eine Infektion bei Katzen begünstigen.

Infektionsverlauf

Nach Aufnahme von infiziertem Kot befällt das Virus zunächst die Lymphknoten im Rachenraum und die Mandeln. Von dort aus breitet sich die Infektion auf das lymphatische Gewebe von Thymus und Darm und anschließend im ganzen Körper aus. In der Regel ist das Virus bereits nach 4 Tagen in den Darmzellen nachweisbar, ab diesem Zeitpunkt beginnt bereits die Virusausscheidung. Hingegen beträgt die Inkubationszeit (= die Zeit von der Ansteckung bis zum Auftreten erster Symptome) in der Regel 7-14 Tage. Andere Tiere können sich demnach bereits bei Katzen anstecken, die noch gar keine Symptome zeigen und somit nicht als erkrankte Katzen wahrgenommen werden. Insgesamt wird sas Virus für ca. 14 Tage ausgeschieden, selten länger.

Symptome

Die Erkrankung verläuft meist akut jedoch mit recht unspezifischen Symptomen. Betroffene Katzen zeigen Inappetenz, Anorexie, Apathie und Fieber, gefolgt von Erbrechen und Durchfall. Der Durchfall kann sich als sehr schwerwiegend darstellen. Der Kot kann verdautes (Meläna) oder frisches Blut enthalten. Es gibt in seltenen Fällen auch sehr perakute Verläufe der Parvovirose, bei denen plötzliche Todesfälle ohne vorherigen Durchfall auftreten.

Aufgrund des zum Teil massiven Durchfalls erleiden die Katzen einen hochgradigen Flüssigkeits- und Elektrolytverlust. Eine zusätzliche Verweigerung von Futter- und Wasseraufnahme führt sehr schnell zu einer schwergradigen Dehydratation bis hin zum Volumenmangelschock. Zudem kommt es zu einer Schwächung des Immunsystems, da das Parvovirus Vorläuferzellen von roten und weißen Blutkörperchen zerstört. Daraus resultiert eine Blutarmut (Anämie) und einem Mangel an weißen Blutzellen (Leukopenie). Blutverlust durch Blut im Kot und ein erhöhter Verbrauch von Abwehrzellen im Darm verschlimmern die Lage zusätzlich.

Die Viren führen im Dünndarm zu einer Zerstörung der befallenen Zellen. Eine zusätzliche Schwächung des Immunsystems führt dazu, dass Darmbakterien und Toxine (Gifte) dadurch ungehindert in die Blutbahn gelangen können. Die daraus resultierende Blutvergiftung (Septikämie, Endotoxämie) und Absiedlung von Bakterien in anderen Organen (z.B. Lunge, Leber) kann fatale Folgen haben.

Findet eine Infektion bei der Katze im Mutterleib oder in der neonatalen Phase statt, entwickelt sich bei den Welpen eine Kleinhirnhypoplasie (Unterentwicklung des Kleinhirns). Die betroffenen Tiere zeigen nicht-fortschreitende neurologische Symptome unterschiedlicher Ausprägung. Ebenfalls sind bei perinatalen Infektionen Entzündungen des Herzmuskels (Myokarditis) beschrieben, die zu akutem oder chronischem Herzversagen führen können.

Diagnose

Die Diagnosestellung beruht auf den allgemeinen Parametern wie Alter, Impfstatus, Herkunft etc., die klinischen Symptome (Erbrechen, Durchfall), Blutwerte, die eine deutliche Verminderung der weißen Blutkörperchen aufzeigt (Leukopenie) und den Virusnachweis im Kot. In nahezu jeder Tierarztpraxis können Schnelltests durchgeführt werden, die innerhalbt kurzer Zeit Ergebnisse liefern. Im Falle eines positiven Testergebnisses ist die Aussage recht verlässlich. Es kommen jedoch auch falsch-positive Ergebnisse vor, wenn innerhalb der vorangegangenen 2 Wochen eine Impfung mit Lebendimpfstoffen erfolgt ist. Leider schließt auch ein negatives Testergebnis  eine Infektion jedoch nicht mit 100%iger Sicherheit aus. Neutralisierende Antikörper im Kot, welche die Viren binden, oder auch die nur vorübergehende Ausscheidung der Viren sind bekannte Fehlerquellen. Ein Antikörpernachweis im Blut oder auch molekularbiologische Nachweismethoden (PCR) werden zur Überprüfung des Impfschutzes angewendet. Schließlich können die Parvoviren im Kot durch eine elektronenmikroskopische Untersuchung gefunden werden, welche aber nicht überall verfügbar ist.

Behandlung

Viren sind grundsätzlich schwierig zu behandeln, es existiert derzeit keine spezifische antivirale Therapie gegen die Katzenseuche. Strenge Hygienemaßnahmen und eine Trennung der erkrankten Katze von anderen Tieren hat oberste Priorität. Zum Ausgleich des Flüssigkeits- und Elektrolytverlusts durch Erbrechen und Durchfall benötigen die Tiere intravenöse Infusionen. Breitspektrum-Antibiotika werden zur Verhinderung einer Ausbreitung von Bakterien verabreicht. Des Weiteren wird symptomatisch das Erbrechen und die Schmerzen medikamentell behandelt. Da durch die Schädigung der Darmwand auch sehr viel Eiweiß verloren geht, müssen zur Verhinderung von Ödembildungen häufig spezielle Infusionslösungen (kolloidale Lösungen) verabreicht werden. Ein besonders wichtiger Bestandteil der Therapie ist die möglichst frühe enterale Ernährung. Eine Zwangsfütterung der erkrankten Katze oder gar die Ernährung über eine Sonde wird meist notwendig, da die betroffenen Patienten in der Regel nicht selbständig fressen. Auch Immunpräparate gehören zur Standardtherapie. Eine Transfusion von Blutprodukten oder Vollblut wird notwendig wenn die Katze viel Blut über den Kot verloren hat und eine Blutarmut (Anämie) aufweist. Schließlich sollten Medikamente zur Entwurmung verabreicht werden, sobald die Patienten nicht mehr erbrechen.

Komplikationen

Problematisch ist der Eiweißverlust über die geschädigte Darmwand, welcher zur Bildung von Ödemen und / oder Flüssigkeitsergüssen in den Körperhöhlen führen kann. Der Eiweißverlust schränkt zudem eine eigentlich notwendige umfassende Infusionstherapie ein, obwohl diese für den Ausgleich der Flüssigkeit und Elektrolyte sehr wichtig ist. Darminvaginationen die im Rahmen der Katzenseuche auch auftreten können, machen in aller Regel eine chirurgische Intervention erforderlich. Die am meisten gefürchteten Komplikationen sind jedoch sicherlich die Septikämie und die DIC (= Disseminierte intravasale Koagulopathie, ein lebensbedrohlicher Zustand, bei dem es durch übermäßig stark ablaufende Blutgerinnung im Gefäßsystem zu einem Verbrauch von Gerinnungsfaktoren und somit zu erhöhter Blutungsneigung kommt).

Prognose

Die Prognose ist sehr individuell zu stellen, sie ist u.a. abhängig von dem Alter, der Rasse, dem Vorliegen von Begleitinfektionen, dem Immunstatus und dem Auftreten von Komplikationen. Einen großen Einfluss auf die Prognose hat in jedem Falle die Therapie, ob und wie das betroffene Tier behandelt wird. Während ohne Behandlung nur ca. 10% der Katzen überleben, werden bei intensivmedizinischer (stationärer) Therapie Überlebensraten von 90% und mehr erreicht.

Prophylaxe

Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, seine Katze vor einer Infektion zu schützen. Das auslösende Virus kommt überall vor und ist extrem widerstandsfähigDa das Virus allgegenwärtig und sehr widerstandsfähig ist, ist die einzige Möglichkeit, sein Tier vor einer Infektion zu schützen, die Impfung. Die StIKo Vet (Ständige Impfkommission Veterinärmedizin) nennt in ihren Leitlinien die Parvovirose-Impfung bei Hunden und Katzen eine Core-Komponente, d.h. eine, gegen die jedes Tier zu jeder Zeit geschützt sein muss. Die aktuelle Empfehlung zur Impfung beinhaltet die Grundimmunisierung mit einer Impfung im Alter von 8, 12 und 16 Lebenswochen und einer Wiederholung im Alter von 15 Lebensmonaten. Anschließend werden Auffrischungsimpfungen alle 3 Jahre empfohlen. Die häufigeren Impfungen in den ersten Lebensmonaten sind auf das Vorhandensein maternaler Antikörper zurückzuführen. Diese verhindern eine erfolgreiche Impfung (also Ausbildung einer schützenden Immunität) durch Neutralisierung des Impfvirus. Da die Menge der maternalen Antikörper und somit die Dauer ihres Vorhandenseins i.d.R. unbekannt ist, sind zusätzliche Impfungen nötig. Nach der 16. Lebenswoche sind allerdings keine maternalen Antikörper mehr zu erwarten. 

 

© Dr. Nina Bitzinger, Fachtierärztin für Kleintiere, Oberärztin Station, AniCura Kleintierspezialisten Augsburg, Mai 2017